Um zwölf Uhr ist Rush Hour auf dem Hof der Grundschule Hoheneck in Ludwigsburg. Die Schule ist vorbei und die Kinder strömen nach Hause oder in die Schulkindbetreuung von Katja Rätzer. Seit 2022 ist sie deren Leiterin und betreut mit 17 pädagogisch erfahrenen Mitarbeiter*innen insgesamt 198 Grundschulkinder.
Erste Station nach der Schule ist immer die feste Gruppe. Dort werden die Kinder in die Anwesenheitslisten eingetragen, dann dürfen sie alle Räume nutzen. „Wir arbeiten nach einem offenen Konzept und richten uns nach den Bedürfnissen der Kinder“, sagt Katja Rätzer. Das bedeutet, dass die Kinder ihre Aktivitäten selbst aussuchen können und sich die Gruppen altersmäßig mischen, wovon alle profitieren.
Das Angebot ist umfangreich, es gibt ganz unterschiedliche Funktionsräume und natürlich Hof, Sporthalle und ein Stück Wald. Entspannt ist es in der „Chillout-Lounge“ im Bungalow, dort steht auch ein Kicker, an dem gelegentlich Turniere ausgetragen werden und den Klassenspielraum, in dem die Kinder Unterricht nachspielen. Im Bauzimmer entstehen Kunstwerke aus Lego oder komplexe Kugelbahnen. Fotos besonderer Bauwerke hängen an den Wänden, damit die Kinder sie nachbauen und neu interpretieren können. „Wir haben regelmäßig Challenges, bei denen die Kinder Gebäude wie den Eiffelturm nachbauen“, sagt Frau Rätzer und erklärt, dass jüngere Kinder von sich aus eher flach bauten und sie sie dadurch motivierten, ihr Vorstellungsvermögen zu trainieren.
Nicht nur Betreuung, sondern auch abgestimmte Bildungsangebote
Überall steht der Spaß im Mittelpunkt, aber auch das Ausprobieren neuer Dinge. Im Atelier wird gewerkelt und künstlerisch gearbeitet, die Kinder sägen Holz, malen und streichen oder probieren sich im Garten aus – dafür wurden extra Hochbeete angelegt. „Bei uns können sie ausprobieren, ob ihnen die handwerkliche Arbeit Spaß macht. Das ist für die spätere Berufswahl wichtig“, sagt die Leiterin der Schulkindbetreuung. Ihr ist wichtig, dass sie die Kinder nicht nur betreuen, sondern auch mit der Grundschule abgestimmte Bildungsangebote organisieren. Im Atelier werden beispielsweise Maler*innen wie Pablo Picasso oder Vincent van Gogh auf Plakaten kindgerecht vorgestellt, die Kinder erarbeiten sich deren malerische Stile, indem sie selbst davon inspirierte Kunstwerke schaffen – mit beeindruckender Kreativität. Das Angebot ist vielfältig, nur Spielekonsolen gibt es nicht: Das Miteinander steht im Zentrum. Die Kinder sollen gemeinsam spielen und lernen, nicht allein vor dem Bildschirm sitzen.
Nach der Hauptzeit, in der auch zu Mittag gegessen wird, beginnt um 14 Uhr die Nachmittagsbetreuung mit begleiteter Hausaufgabenzeit. Viele Kinder werden davor abgeholt, die anderen machen in Ruhe ihre Aufgaben und können nach einem Snack bis 17 Uhr frei entscheiden, was sie machen. Etwa 30 Kinder bleiben bis zum Ende der Betreuung.
Fragt man Frau Rätzer, was an ihrer Arbeit am wichtigsten ist, dann sagt sie: „Den Kindern zuhören und sie ernst nehmen.“ Was sie damit meint, merkt man schnell beim Rundgang über den Schulhof. Alle paar Minuten kommen Kinder zu ihr, zeigen ihre selbstgebastelten Kunstwerke, fragen etwas oder kommen einfach zu ihr, um „Hallo“ zu sagen. Die ausgebildete Erzieherin nimmt sich für jedes Kind Zeit, lobt, hilft, tröstet oder streicht einfach liebevoll über den Kopf. „Wir wissen oft nichts über das Elternhaus oder was die Kinder nach der Betreuung machen. Hier wollen wir einen Schutzraum schaffen, in dem sich die Kinder wohlfühlen und sich uns bei Problemen anvertrauen können“, sagt sie. Dass das so gut funktioniere, liege vor allem an ihrem tollen und engagierten Team, das die Schulkindbetreuung erst so besonders mache. Wichtig sei aber auch die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Schulleiterin Dorothee Hoff sowie dem gesamten Lehrer*innenkollegium.
Das Wichtigste ist, den Kindern zuzuhören und sie ernst zu nehmen.
Basis des pädagogischen Konzepts sind die Werte der AWO wie Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Ein besonderes Projekt ist etwa die „Herzles-Post“, bei dem Drittklässler*innen Brieffreundschaften mit Bewohner*innen des Hans-Klenk-Hauses in Ludwigsburg geschlossen haben. „Voneinander zu lernen, Rücksicht zu nehmen und füreinander da zu sein, das sind ganz wichtige Werte“, sagt Katja Rätzer.
Was sie allerdings stört: Die finanziellen Möglichkeiten der Eltern spielen dann doch eine Rolle, denn die Schulkindbetreuung kostet Geld. Auch wenn es Fördervereine und Hilfen der Stadt gibt, können es sich nicht alle Eltern leisten – oft gerade diejenigen nicht, deren Kinder besonders von der Betreuung profitieren würden. Manche Familien können gerade so die Betreuung finanzieren, aber für das warme Mittagessen reicht es nicht mehr. Sie packen ihren Kindern notgedrungen Vesperboxen. „Wir versuchen den Kindern beizubringen, dass alle Menschen gleich sind und dann müssen wir beim Mittagessen einen Unterschied machen.“ Das sei sehr schade. Natürlich wisse sie, dass das Geld überall knapp sei und zukünftig noch knapper werde. „Aber Essen ist ein Grund-bedürfnis und ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft jedem Kind ein warmes Mittagessen finanzieren.“
Auch wenn es manchmal schwierig und anspruchsvoll sei, einen anderen Beruf könne sie sich gar nicht mehr vorstellen. „Es ist unglaublich befriedigend, weil man so viel Liebe von den Kindern zurückbekommt“, sagt Katja Rätzer. Denn wer mit Herz dabei sei, könne viele Kinder glücklich machen.



