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Alexandra Metzger, Geschäftsführung AWO Ludwigsburg

Ist Migration wirklich die zentrale Ursache der meisten unserer gesellschaftlichen Probleme oder verlieren wir die Realität aus dem Blick?

wer öffentliche Debatten in den letzten Monaten verfolgt hat, könnte den Eindruck gewinnen, Migration sei die zentrale Ursache der meisten unserer gesellschaftlichen Probleme. Diese Wahrnehmung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer jahrelangen Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses, wie Joachim Glaubitz im Interview in dieser Ausgabe des Blättle sagt. Als Referent für die Bereiche Flucht/Asyl und Rechtsextremismus beim Diözesancaritasverband Rottenburg-Stuttgart hat er miterlebt, wie Geflüchtete noch 2015 vielerorts mit einer beeindruckenden Willkommenskultur empfangen wurden. Heute wird Migration fast ausschließlich als Problem diskutiert. 

Rechtsextreme Kräfte haben diesen Wandel nicht allein verursacht, aber maßgeblich vorangetrieben. Durch die permanente Verknüpfung von Migration mit Kriminalität, Bedrohung und Kontrollverlust ist es gelungen, ein Narrativ zu etablieren, das komplexe gesellschaftliche Herausforderungen auf einen vermeintlich einfachen Schuldigen reduziert. Die Gefahr besteht dabei nicht nur in zunehmender Fremdenfeindlichkeit. Sie besteht auch darin, dass sich rote Linien immer weiter verschieben und Menschenfeindlichkeit zunehmend als legitimer Teil gesellschaftlicher Debatten erscheint. Und die Suche nach Sündenböcken gehe immer weiter, beschreibt Joachim Glaubitz. 

Im ersten Halbjahr 2026 ist die Anzahl der Asylerstanträge erneut stark gesunken – um gut ein Drittel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die „Migrationswende“ von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt scheint hinsichtlich sinkender Asylzahlen zu wirken. Dennoch erreichte die AfD nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Rekordergebnisse. Die „Migrationswende“ hat also nicht dazu geführt, dass rechtsextreme Kräfte schwächer werden, und auch grundlegende gesellschaftliche Probleme wurden dadurch weder gelöst oder wesentlich verbessert. 

„Zuwanderung ist kein Nice-to-have, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Deswegen ist es wichtig, dass wir eine gute Willkommenskultur entwickeln.“ Das Zitat stammt von keiner linken Idealistin, sondern von Dr. Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart. Sie sagte im Februar dieses Jahres, dass Baden-Württemberg ohne Zuwanderung auf eine massive Verschärfung des Fachkräftemangels zusteuere. Bis 2035 fehlten 200.000 Erwerbspersonen zusätzlich, mit einem Wertschöpfungsverlust von rund 220 Milliarden Euro bis 2035. Das zeige die Prognose des IHK-Fachkräftemonitors. Susanne Herre fordert für eine starke Wirtschaft nicht nur eine geregelte, praktikable und schnelle Zuwanderung, sondern auch „Demokratie, Weltoffenheit und eine echte Willkommenskultur“. 

Die Debatte über Migration sagt heute mehr über den Zustand unserer Gesellschaft aus als über Migration selbst. Die Asylzahlen sinken, der Fachkräftemangel bleibt. Und der Bedarf an Zuwanderung wächst weiter. Während die politische Debatte Migration vor allem als Belastung verhandelt, beschreibt die wirtschaftliche Realität sie längst als Notwendigkeit. Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Zuwanderung, sondern die Frage, ob wir aus Angst vor ihr die Realität aus dem Blick verlieren.


Alexandra Metzger,
Geschäftsführung AWO Ludwigsburg gGmbH
 

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