Von Ostberlin über Baden-Württemberg nach China: Der Beruf als Testingenieur führte Frank Riechers rund um die Welt. Dabei immer im Gepäck: Seine großen Leidenschaften – die Naturwissenschaften und die Musik.
„Ich bin in Ostberlin, im Kiez Prenzlauer Berg geboren“, erzählt Frank Riechers. Gemeinsam mit seiner vier Jahre älteren Schwester wächst er in der Nähe des Volksparks Friedrichshain auf, der wie ein großer Abenteuerspielplatz ist. Sie sind viel draußen im Grünen, spielen auf dem Großen Bunkerberg, erkunden die zerstörten und mit Schutt bedeckten ehemaligen Friedrichshainer Flaktürme oder besuchen den nahegelegenen Märchenbrunnen. Es ist eine gute und unbeschwerte Kindheit, erzählt er.
Seine Mutter arbeitet bei der Post, sein Vater ist Heizer auf einer Dampflok und nimmt die Kinder immer mal mit. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn die schwere Lok zu schnaufen beginnt, sich langsam in Bewegung setzt und man spürt: Das Tier lebt!“, erinnert sich der 66-Jährige.
Im frühen Schulkindalter schenkt ihm seine ältere Schwester die erste Akustik-Gitarre – ein Geschenk, für das ihr Frank Riechers bis heute dankbar ist. Autodidaktisch lernt er, sie zu spielen und covert bald bekannte Songs. In der frühen Jugend baut er sich seine erste E-Gitarre, sägt den Korpus aus geeignetem Holz, feilt, poliert und wickelt auch die Tonabnehmer selbst. „Es hat natürlich ein Weilchen gedauert, aber sie hat funktioniert.“ Frank Riechers spielt Rock’n’Roll, am liebsten Songs der Beatles, arbeitet sich in Musikstruktur und Harmonien ein und musiziert gemeinsam mit Klassenkameraden. Zeitgleich lernt er, Akkordeon zu spielen.
Als Jugendlicher baut er seine erste E-Gitarre selbst
Nach der Schule beginnt für Frank Riechers eine dreijährige Armeezeit als A1-Funker – die Armee sucht damals gezielt Musiker, da sie ein gutes Rhythmusgefühl haben, was für das Morsen nützlich ist. „Ich habe mich zu der Zeit so intensiv mit Morsefunk befasst, dass ich noch heute versucht bin, mitzuschreiben, wenn ich in Filmen das charakteristische Piepen höre“, sagt Herr Riechers schmunzelnd. Er erinnert sich gern an seine Armee-Zeit, vor allem wegen der musikalischen Kameraden, mit denen er zusammenspielt und gemeinsame Auftritte hat. Die Division gibt Geld für Instrumente, die Musiker spielen dafür vor der Truppe – auch kritische Lieder wie „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader.
Nach seiner Entlassung studiert Frank Riechers wissenschaftlichen Gerätebau in Jena und steigt als Testingenieur beim VEB Funkwerk Köpenick ein. Der Betrieb leistet Pionierarbeit im Bereich des Mobilfunks. Dort wird unter anderem das erste funktionierende Mobil-Telefonnetz Lateinamerikas entwickelt, das im Herbst 1981 in Mexiko in Betrieb genommen wird. Auch das erste Mobiltelefon der DDR, die „Blaumeise 3“, die als eins der frühesten und leistungsfähigsten Mobiltelefone weltweit gilt, stammt aus Köpenick.
Nach der Wende geht es dem VEB wie vielen ostdeutschen Betrieben: Das Funkwerk wird neu strukturiert, Teile werden verkauft. Frank Riechers ist mittlerweile verheiratet und hat eine kleine Tochter (Beate), als die Firma SEL (Standard Elektrik Lorenz) mit Sitz in Zuffenhausen anbietet, Mitarbeiter aus Berlin zu übernehmen. Die Familie zieht nach Süddeutschland.
„Musik ist eine spezielle Art zu kommunizieren. Ich habe es immer genossen,
die Harmonie der Musik zu spüren.“
Das wichtigste Ereignis auf der Arbeit? „Das war die Gründung der Band KRB, der Kaisemer Revival Band“, sagt Frank Riechers sofort. Die Firmenband ist benannt nach dem Standort von SEL in der Straße „Im Kaisemer“ und spielt Coversongs aus den Genres Rock’n’Roll und Heavy Metal, aber auch eigene Songs. „Musik ist eine spezielle Art zu kommunizieren. Ich habe es immer genossen, die Harmonie der Musik zu spüren“, sagt Herr Riechers.
2010 bietet sich ihm die berufliche Chance, nach Shanghai, China, zu ziehen. Die Entscheidung fällt ihm sehr schwer. Tochter Beate ist mittlerweile erwachsen, aber seine Frau möchte in Stuttgart bleiben. Am Ende siegen die Abenteuerlust und das Interesse, eine neue Kultur kennenzulernen. Doch die Ehe überlebt die Distanz nicht. Mit seiner Tochter hält er immer Kontakt und sie besucht ihn in China.
Frank Riechers fühlt sich wohl in Shanghai und auch beruflich läuft es gut. Er leitet eine Entwicklungsgruppe mit chinesischen Mitarbeiter*innen, lernt selbst Chinesisch und wohnt in einem Appartement direkt am Fluss. Doch im Jahr 2018 ändert sich alles. Wenige Wochen nach der Geburt von Jasmin, der gemeinsamen Tochter mit seiner zweiten Ehefrau Tong Juan, erleidet Frank Riechers einen Schlaganfall. Trotz monatelanger Reha- und Klinikaufenthalte bleiben Arm und Bein einseitig gelähmt. Mit 58 Jahren muss er in Rente gehen.
Zunächst pflegt ihn seine Frau zuhause, aber sie entscheiden bald, zurück nach Deutschland zu ziehen, in die Nähe seiner älteren Tochter. Beate organisiert ihm schließlich einen Platz im Hans-Klenk-Haus. Hier schätze er vor allem den Singkreis und die Konzerte des Vereins YEHUDI MENUHIN Live Music Now Stuttgart, sagt er. „Das Wichtigste im Leben ist, seine Zuversicht nicht zu verlieren.“ Dabei helfe ihm seine Familie und die Musik.


