Brigitte Jaanus, die von ihrer Familie „Gigi“ genannt wird, wurde 1938 in Aalen als fünftes und jüngstes Kind des Arztes Eugen und der Erzieherin Gertrud Stützel geboren. Die 87-Jährige strahlt, wenn sie von ihren Eltern und ihrer Kindheit erzählt. Großzügige Menschen seien sie gewesen und hätten sich liebevoll um ihre Kinder gekümmert.
Nach dem Gymnasium beschließt Brigitte Jaanus, Physiotherapeutin zu werden, da sie gern mit Menschen arbeiten möchte. Kurzerhand trifft sie die Entscheidung, für ein Praktikum im Queen Mary‘s Hospital for Children, einem Kinderkrankenhaus, nach London, Carshalton, zu ziehen. „Ich wollte vor der Ausbildung beweisen, dass ich keine Schlafmütze bin“, sagt sie schmunzelnd. Doch der Traum, mit Patient*innen zu arbeiten, erfüllt sich nicht. Ihre Chefin sei eine Furie gewesen, die meiste Zeit schrubbt und wachst sie die Böden des Krankenhauses. Enttäuscht kündigt die junge Frau und wechselt ins Epsom Hospital in einer Vorstadt von London. Dort darf sie zu den Patient*innen, arbeitet ohne Schutz mit hustenden Männern, die an offener Tuberkulose erkrankt sind. Glücklicherweise bleibt sie selbst gesund. Nach einem dreiviertel Jahr muss sie zurück nach Aalen – ihre Eltern sind erkrankt. Brigitte Jaanus zieht zurück in ihr ehemaliges Kinderzimmer, pflegt die beiden und bewirbt sich auf eine Ausbildung in Heidelberg.
In Heidelberg merkt sie, dass die Ausbildung zur Physiotherapeutin genau das Richtige ist. Wenig später lernt sie beim Fasching der Krankengymnastikschule ihren späteren Mann Hugo Jaanus kennen, genannt „Hux“, der sie sofort fasziniert. „Wir haben den ganzen Abend getanzt. Seine Augen waren so schön, da war ich hops und weg“, erinnert sie sich. Nach kurzer Zeit werden die beiden ein Paar. In Estland geboren, war er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit nicht mehr als Hemd, Hose und einem kleinen Koffer nach Australien ausgewandert. Dort landet der erst 18-Jährige zunächst im Straßenbau, bis ihn eine australische Familie aufnimmt und er später Theologie studieren kann. Nach Heidelberg kommt er, um dort eine Gemeinde zu übernehmen. Die beiden führen eine glückliche Beziehung. Hugo Jaanus unterstützt seine Freundin, tippt ihre Zulassungsarbeit auf seiner Schreibmaschine ab. Ihren Abschluss schafft sie mit der Note Eins und beginnt, in der Chirurgie der Uniklinik Heidelberg zu arbeiten.
Spontaner Umzug nach Argentinien
Eines Tages ruft sie ihr Freund aufgeregt an: „Wir müssen heiraten!“. Er hat die Zusage für eine Pfarrstelle in einer estnischen Gemeinde in Argentinien bekommen. „Natürlich hatte ich ein bisschen Angst, ich konnte weder Spanisch noch Estnisch. Aber es war klar, dass ich bei meinem Mann bleiben werde“, sagt sie.
Im Sommer 1962 heiraten die beiden, werfen den Brautstrauß in den Neckar, das soll Glück bringen, und fliegen wenig später mit nur zwei Koffern zuerst nach Rio de Janeiro, dann nach Buenos Aires. Dort werden sie von der Gemeinde wie bei einem Staatsempfang empfangen. Hugo Jaanus ist in seinem Element und blüht in der dreisprachigen Gemeinde auf. Brigitte Jaanus lernt Estnisch und Spanisch, lebt sich in Land und Gemeinde ein.
Im August 1963 kommt ihre Tochter Karin zur Welt. Eine schöne, glückliche Zeit sei es in Argentinien gewesen, wenn auch nicht immer einfach, erinnert sich Frau Jaanus. Pfarrstellen sind nicht gut bezahlt, die Familie hat wenig Geld und oft ist sie mit ihrer Tochter allein, da ihr Mann auch Gemeinden in Brasilien besucht und dort predigt. Er ist rastlos – immer wieder zieht es ihn in die Ferne.
1967 entscheidet das Ehepaar, zurück nach Deutschland zu ziehen. In Leonberg nimmt Hugo Jaanus eine Pfarrstelle an. Doch richtig heimisch werden die beiden erst in der Gemeinde Neckargröningen, wo der Pfarrer bis zu seinem Ruhestand arbeiten wird. Sie verbringen viel Zeit mit der Familie, das gemeinsame Tanzen an den Wochenenden wird zu ihrer Leidenschaft. Als ihn wieder das Fernweh packt und er als Schiffspfarrer auf Reisen gehen möchte, protestieren Frau und Tochter erfolgreich.
Das Wichtigste im Leben ist die Familie
Ihr Leben wird ruhiger, sie bleiben in Neckargröningen und reisen dafür viel – in die USA, nach Kanada oder Spanien. Brigitte Jaanus arbeitet wieder als Physiotherapeutin, gibt Kurse zur Geburtsvorbereitung und engagiert sich sozial, auch in der Gemeinde. Sie führen eine glückliche Ehe. Als ihr Mann einige Jahre später erkrankt, pflegt ihn Brigitte Jaanus bis zu seinem Tod.
Ihre Leidenschaft für das Reisen bleibt. Noch mit 80 Jahren fährt sie zusammen mit ihrer Tochter nach Mallorca. Erst ein leichter, nicht erkannter Schlaganfall führt dazu, dass sie auch zu Hause mehr Unterstützung benötigt, bevor sie dann im Juli 2024 in das Hans-Klenk-Haus zieht.
Fragt man Frau Jaanus, was ihr im Leben am wichtigsten war, dann antwortet die 87-Jährige: „Mein Mann und meine Tochter.“ Das Wichtigste sei: gut überlegen und dann den richtigen Menschen heiraten.



