Krieg und Vertreibung prägen Jürgen Baumgartners Kindheit, aber auch ein starker Familienzusammenhalt. 1939 wird er in Lauban in Niederschlesien als Kind der Fachverkäuferin Erna und dem Friseur Albert geboren. Rund 20 Kilometer von Görlitz gelegen, ist Lauban über Jahrzehnte Hauptproduzent aller in Deutschland hergestellten Taschentücher. „Lauban putzt der Welt die Nase“, habe man früher gesagt, erinnert sich Herr Baumgartner.
Doch schon bald reißt der Krieg die Familie brutal auseinander. Als sein Vater, ein gebürtiger Österreicher, seinen Einberufungsbefehl erhält, lässt er sich aus Angst beim Arzt alle Zähne ziehen, um älter zu wirken und dem Krieg zu entgehen. Doch es nützt nichts, er wird als Funker in Russland eingesetzt. Ende Oktober 1944, kurz vor Jürgen Baumgartners fünftem Geburtstag, erhält die Familie die Nachricht, dass Albert im Krieg gefallen ist. Es ist einer von vielen kriegsbedingten Schicksalsschlägen für die Familie. Eine Schwester Ernas verliert ebenfalls den Ehemann, eine andere den geliebten Sohn. Das Ehepaar wird den Tod des Sohns nie überwinden können und sich wenige Jahre nach Ende des Kriegs gemeinsam das Leben nehmen.
Flucht mit dem Leiterwagen mitten im Winter
Erna und ihrem Sohn bleibt nach dem Tod des Vaters kaum Zeit, um zu trauern. Im Dezember 1944 müssen sie aus Lauban vor den Russen fliehen. Sie packen das Wichtigste in Rucksäcke, nehmen die Großeltern mit und fahren mit einem Lastwagen Richtung Grenze, um von dort aus weiter mit dem Leiterwagen zu fliehen. Seinen Großvater nimmt die Flucht so sehr mit, dass er apathisch, gehüllt in eine Decke, im Leiterwagen sitzt. Es ist Winter. Seine Mutter zieht den Wagen, der Sohn schiebt. Um nicht von Flugzeugen beschossen zu werden, fliehen sie nachts und versteckten sich am Tag. Seine Mutter verkleidet sich als alte Frau, um in den Dörfern, die sie passieren, Nahrung zu erbetteln.
Jürgen Baumgartner fällt es schwer, über die Flucht zu sprechen. An vieles können er sich nicht selbst erinnern, wisse es aber aus Erzählungen seiner Mutter. Ein Erlebnis hat sich besonders in sein Gedächtnis gebrannt: Eines Tages kippt sein Großvater leblos aus dem Leiterwagen – er ist auf der Flucht verstorben. Sie müssen ihn in den Straßengraben legen, wickeln ihn in eine Decke und fliehen weiter.
Sie passieren 24 Flüchtlingslager entlang der tschechischen Grenze, wird ihm seine Mutter später erzählen. Irgendwann erreichen sie Bayern und kommen schließlich bei Bauern in Ichenhausen bei Günzburg unter. Ihren Sohn gibt Erna als katholisch aus. Deshalb erhält der eigentlich evangelische Jürgen jeden Abend ein Glas Milch von der Bauersfrau und wird von ihr zu Bett gebracht. Dort treffen sie auch Tante Liesel und ihren Sohn wieder, die ebenfalls geflohen sind. Etwa zwei Jahre später werden sie mit ihnen nach Gladenbach ziehen.
Die Mutter hat sich für ihren Sohn aufgeopfert
„Meine Mutter hat sich aufgeopfert. Sie ist der einzige Grund, weshalb ich heute hier bin“, sagt Jürgen Baumgartner sichtlich bewegt. „Als alleinstehende Frau wurde sie damals beruflich böse ausgenutzt und schikaniert“, erzählt er. Sie habe immer hart arbeiten müssen, auch körperlich in einem Holzlager, um die Familie zu ernähren. In Gladenbach wird sie den letzten Schmuck und ihren Ehering verkaufen müssen, um Möbel für die Wohnung mit ihrem Sohn und ihrer Mutter zu erwerben. Dort wird ihr Leben ruhiger. Erna wird hier bis zur Rente als Verkäuferin arbeiten.
Jürgen beginnt nach der mittleren Reife eine Lehre zum Fernseh- und Rundfunkmechaniker. „Fast niemand hat diesen Beruf damals gelernt. Es war etwas ganz Neues“, sagt er. Anschließend beginnt er in Ulm zuerst Nachrichtentechnik zu studieren und dann nach Abschluss Atom- und Kernphysik. Mit großer Dankbarkeit berichtet Herr Baumgartner von Professoren, späteren Kollegen und Wegbegleitern, die ihn gefördert und unterstützt haben.
Als seinen größten beruflichen Erfolg beschreibt er die Weiterentwicklung der Wanderfeldröhre, an der er beteiligt war. Gemeinsam mit einem Team bei Telefunken in Ulm trägt Herr Baumgartner so dazu bei, dass West-Berlin an das westdeutsche Fernsehnetz angeschlossen werden kann. Am 25. August 1967 startet der damalige Vizekanzler Willy Brandt auch mit seiner Hilfe das Farbfernsehen auf der 25. Großen Deutschen Funk-Ausstellung.
Zur Zeit seines Studiums lernt Herr Baumgartner Brigitte kennen, die Tochter eines Gladenbacher Friseurmeisters. Brigitte sucht einen Partner für den Abschlussball, deshalb übt Jürgen fortan an den Wochenenden, wenn er nach Hause fährt, Rumba, Tango und Wiener Walzer mit ihr. Sie halten über Jahre Kontakt, schreiben sich Briefe, doch erst als Brigitte schließlich 1968 ihre Meisterprüfung als Friseurin geschafft hat, traut sich Jürgen Baumgartner bei einem gemeinsamen Ausflug nach Innsbruck um ihre Hand anzuhalten. Die beiden heiraten wenige Monate später. „Dass ich meine Frau Brigitte kennenlernen und heiraten durfte, war ein großer Glücksfall für mich“, sagt er.
Dankbarkeit trotz schwerer Schicksalsschläge
Brigitte ist eine begeisterte Malerin, die beiden reisen viel zusammen und bauen schließlich ein Haus in Nürtingen, wo sie bis zum Tod von Brigitte wohnen werden. Nürtingen erinnert die beiden an ihre Heimat Gladenbach. Auch Mutter Erna wird bald nach Nürtingen ziehen, um bei ihrem Sohn zu sein.
1981 kommt ihr Sohn Beren zur Welt. Auf der Fahrt zu einem Konzert von Johnny Cash, der zu der Zeit auf großer Tournee ist, merkt seine Frau, dass sie schwanger ist. Die Friseurmeisterin wollte immer ein Kind, aber zuerst beruflich vorankommen, Pädagogik studieren, als Berufsschullehrerin arbeiten und Geld verdienen. „Wir waren uns immer einig, dass Frauen unabhängig und finanziell eigenständig sein sollen“, sagt Jürgen Baumgartner. Sie führen eine erfüllte Ehe. Als seine Frau im November 2025 verstirbt, zieht er in das Hans-Klenk-Haus. Große farbenfrohe Gemälde seiner Frau zieren sein Zimmer.
Jürgen Baumgartner blickt trotz vieler Schicksalsschläge auf ein erfülltes Leben zurück. Allein seiner Mutter verdanke er es, dass er seinen eigenen Weg gehen und glückliche Jahre mit seiner Frau, seinem Sohn und dessen Familie verbringen konnte.



