Frau Breymaier, Sie haben bei uns einen Impulsvortrag zum Thema „Prostitution: Weder Sex noch Arbeit“ gehalten. Wie sieht die derzeitige Situation in Deutschland aus?
Wir haben in Deutschland im Verhältnis zur Bevölkerung sehr viele Frauen in der Prostitution, gerade im Vergleich zu Ländern, die keine so liberale Gesetzgebung haben. Früher waren es bei uns überwiegend Deutsche, heute kommen die allermeisten aus dem Ausland. Und den Betroffenen geht es zum großen Teil schlecht. Es sind hauptsächlich Frauen, aber es gibt auch junge Männer, die nicht zwangsläufig homosexuell sind und auch Transpersonen – sie dürfen wir nicht vergessen.
Von der Prostitution profitieren hier viele: Menschenhändler*innen, Zuhälter*innen, Bordellbetreiber*innen, Immobilienbesitzer*innen, aber eben die Frauen selbst nicht. Früher waren Bordellbesuche teuer, inzwischen kostet es fast nichts mehr, weil so viele Frauen „auf dem Markt“ sind – Angebot und Nachfrage regeln auch hier den Preis. Es gibt unter Sozialpädagog*innen die Kurzformel „Elend fickt sich gut“. Je größer die Not, desto geringer der Preis und desto größer die Bereitschaft, alles mit sich machen zu lassen. Heute finden Männer immer eine Frau, die es aus der Not heraus auch ohne Kondom macht – das kontrolliert niemand.
Die Freier werden immer gewalttätiger und schlimmer. Prostitution ist heute oft pure Demütigung und Gewalt. Es hat nichts mit Sexualität zu tun. Das Bild der selbstbestimmten, selbstbewussten Hure ist ein Mythos. Wir wissen aus Untersuchungen, dass die verletzlichsten und vulnerabelsten Frauen in die Prostitution geraten.
Seit 2002 ist Prostitution in Deutschland legal. 2017 trat das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Beide Gesetze sollten die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten verbessern. Weshalb hat das nicht funktioniert?
Wir gehen in Deutschland davon aus, dass sich Frauen freiwillig und selbstbestimmt prostituieren, dass sie gutes Geld verdienen und es im Zweifel auch gern tun. Diese Annahmen sind die Grundlage unserer Gesetzgebung.
Dass das eine Illusion ist, belegen zahlreiche Studien. Deshalb wurde das Prostituiertenschutzgesetz verabschiedet, das zumindest anerkennt, dass viel Gewalt im Spiel ist. Beschlossen wurden verpflichtende Notfallknöpfe im Zimmer, Kondompflicht oder das Verbot, dass die Frauen dort wohnen, wo sie arbeiten. Behörden sollen seitdem auch prüfen, ob Prostituierte aus freiem Willen arbeiten. Aber verbessert hat sich dadurch faktisch nichts.
Sie haben bereits vor einigen Jahren von Deutschland als dem „Bordell Europas“ gesprochen. Wie hängen Menschenhandel und eine liberale Gesetzgebung zusammen?
Man kann sagen, die Legalisierung der Prostitution ist die Autobahn, auf der die Menschenhändler rasen können. Wir machen ihnen das Leben leicht. Das sagen uns auch das europäische Parlament oder die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), dass wir die Nachfrage begrenzen müssen, beispielsweise mit einem Sexkaufverbot. Bei uns gibt es einen riesigen Markt für Frauen, die auch verkauft werden. Deshalb ist Deutschland das Bordell Europas.
Sie plädieren für das sogenannte Nordische Modell für Prostitution. Was würde die Einführung eines Sexkaufverbots verändern?
Es wäre für Menschenhändler nicht mehr so attraktiv, Frauen nach Deutschland zu bringen. Und wenn weniger Frauen in die Prostitution kommen, dann werden auch weniger Frauen geschädigt. Mit dem Nordischen Modell hätte die Polizei außerdem deutlich mehr Möglichkeiten, die Täter, also die Freier, zu erwischen.
Natürlich brauchen wir auch gesellschaftliche Aufklärung und gute Ausstiegsangebote. Wir haben es mit hochtraumatisierten Personen zu tun, die eine gute Sozialversorgung brauchen, die Behandlung ihrer seelischen und körperlichen Schäden und sicheren Wohnraum. Vor über zehn Jahren habe ich den Verein „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution!“ mitgegründet und weiß: Ausstiegsarbeit bringt wenig, wenn die Nachfrage nicht begrenzt wird. Wir helfen einer Frau und zeitgleich kommen zig weitere Frauen nach Deutschland.
Welche Erfahrungen gibt es aus Schweden, wo bereits seit 1999 ein Sexkaufverbot besteht?
In Schweden sind Sie ein böser Mensch, wenn Sie eine Frau kaufen. Ein schwedischer Geschäftsmann oder Politiker, der dabei erwischt wird, wie er zu einer Prostituierten geht, ist erledigt. In Deutschland werden Geschäftsabschlüsse im Bordell gefeiert, ohne dass es jemanden stört – das ist der wesentliche Unterschied. Und wir wissen, dass es in Ländern, die das Nordische Modell eingeführt haben, im Verhältnis deutlich weniger Prostitution gibt.
Es gibt auch Gegenstimmen, die sich gegen ein Sexkaufverbot aussprechen, sich auf die sexuelle Selbstbestimmung berufen und argumentieren, Sexarbeit werde dann noch unsicherer.
Es mag Frauen geben, die freiwillig, selbstbestimmt und gern der Prostitution nachgehen. Aber wir können die Gesetzgebung nicht an diesem kleinen Prozentsatz ausrichten – das rechtfertig nicht das Leid der großen Mehrheit der Prostituierten. Auch das Argument, dass ein Sexkaufverbot nichts bewirke und dann alles im noch unsichereren Untergrund stattfände, kann ich nicht gelten lassen. 2024 gab es in Deutschland etwa 32.000 bei den Behörden gemeldete Prostituierte, Expert*innen schätzen die wirkliche Zahl auf 250.000 bis 400.000 Personen. Wir haben den Untergrund bzw. die Illegalität schon, aber für alle sichtbar. Durch ein Sexkaufverbot wird die Prostitution insgesamt zurückgehen.
Prostitution ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Denken Sie an das bekannte juristische Beispiel des sogenannten „Zwergenweitwurfs“: Kleinwüchsige Menschen als Sportart zu werfen sei eine Verletzung der Menschenwürde und sittenwidrig, urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Und das völlig unabhängig davon, ob sich die Personen freiwillig und selbstbestimmt werfen ließen. Finden Sie nicht, dass auch Prostitution ganz klar gegen die Menschenwürde verstößt?
Wie sollte unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach mit dem Thema Prostitution umgehen?
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es ein Recht des Mannes auf Prostitution gibt, damit er seine Triebe befriedigen kann. Wir müssen Prostitution als das betrachten, was es ist: Gewalt gegen Frauen und ein Verstoß gegen die Menschenwürde.
Am Ende geht es um eine ganz grundlegende Frage: Was ist eine gesunde und gute Sexualität? Wir müssen junge Menschen sensibilisieren, vor allem die jungen Männer. Das fängt beim Konsum von Pornografie, besonders harter Pornografie, an, die das Bild von Sexualität beeinflusst. Das Durchschnittseinstiegsalter zum Konsum harter Pornos liegt bei zwölf Jahren. Zwölf!
Ein Sexualtherapeut brachte es sehr treffend auf den Punkt: Sexualität besteht aus Körperlichkeit, Hormonen und Fantasie. Er sagte, Pornografie ist die Enteignung der Fantasie. Und das ist auch für Männer zerstörerisch. Und für Frauen. Prostitution hat Auswirkung auf die gesamte Gesellschaft. Freier sind auch gegenüber den Frauen in ihrem Umfeld gewalttätiger als Nicht-Freier.



