Ning Kang ist in Peking, China, geboren und kam mit 13 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach dem Abitur hat sie Betriebswirtschafts- und Volkwirtschaftslehre studiert und anschließend mehrere Jahre bei Audi gearbeitet – zuerst im Controlling, später in der Projekt- und Budgetplanung. Seit 2016 lebt sie mit ihrer Familie in London. Im Frühling 2026 hat sie ihren Bundesfreiwilligendienst im Hans-Klenk-Haus begonnen. Im Interview spricht sie über ihre persönliche Motivation, ihren Alltag als BFDlerin und die Begegnung im Hans-Klenk-Haus, die sie am meisten berührt hat.
Frau Kang, was hat Sie dazu motiviert, einen BFD bei uns im Hans-Klenk-Haus zu absolvieren?
Meine Mutter ist im Jahr 2017 an Alzheimer erkrankt und vier Jahre später daran verstorben. Sie lebte in dieser Zeit in München, ich in Großbritannien. Mein Vater und ich wollten sie nicht in ein Heim geben. Doch durch die Corona-Pandemie konnte ich sie nicht so unterstützen, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich habe gemerkt, wie herausfordernd es für Familien sein kann, Angehörige zu pflegen. Diese Erfahrung hat mich noch lange beschäftigt. So sehr, dass ich nach all den Jahren, zwischen Daten und Zahlen im Controlling, beschlossen habe, etwas mit Menschen zu machen. Ich wollte diejenigen unterstützen, denen es wie meiner Mutter geht.
Gleichzeitig hatte ich auch Sehnsucht nach Deutschland. Deshalb habe ich mich hier auf verschiedene Stellen im Pflegebereich beworben. Das war gar nicht so leicht, mit meinem Lebenslauf. Bei einem Telefonat sagte mir der Verantwortliche nur: „Da sind Sie hier an der falschen Stelle. Das ist nicht Ihr Beruf.“ Schlussendlich habe ich, als ich in Ludwigsburg war, einfach persönlich im Hans-Klenk-Haus nach einer Stelle gefragt. Dann hat es endlich geklappt!
Wie sieht Ihr Alltag im Hans-Klenk-Haus aus?
Morgens werden die Aufgaben besprochen, die über den Tag erledigt werden müssen. Dann unterstütze ich die Pflegekräfte dabei, die Bewohner*innen zu verschiedenen Aktivitäten zu bringen. Dabei unterhalte ich mich mit ihnen und versuche sie aufzuheitern, falls nötig. Wenn ich Zeit habe, besuche ich die Bewohner*innen auch in ihren Zimmern und führe Gespräche mit ihnen.
Ich glaube, sie schätzen es, jemanden zu haben, der zuhört. Aber auch für mich ist es jedes Mal besonders, Einblicke in ihr Leben und ihre Geschichten zu bekommen. Am Anfang habe ich sogar ein Tagebuch geführt und alles aufgeschrieben, was sie mir erzählt haben.
Gab es besondere Momente oder Begegnungen während Ihres BFDs?
Am meisten berührt hat mich die Begegnung mit einem Bewohner. Er hatte seine ganz eigene Art, aber wir haben uns sehr gut verstanden. Wenn ich an ihm vorbeigelaufen bin, habe ich immer an seinem Blick gesehen, dass er sich unterhalten möchte. Er hatte in jungen Jahren in Cambridge studiert. Wir haben viel über England und die Uni gesprochen, die ich ebenfalls kenne. Er erzählte mir, dass er englisches Bier sehr gerne mochte. Ich habe versprochen, ihm eins mitzubringen, wenn ich meine Familie in London besuche.
„Dass ich kleine Dinge ändern und Gutes tun kann, bedeutet mir viel.“
Doch zwei Tage, nachdem wir gemeinsam einen Ausflug auf den Markt gemacht hatten, ist er ganz plötzlich verstorben. Ich konnte ihm kein englisches Bier mehr mitbringen.
Das war sehr emotional und nicht leicht für mich. Gleichzeitig hat es mir gezeigt, wie sehr mir die Menschen hier ans Herz wachsen und wie dankbar ich für die Zeit bin, die ich mit ihnen verbringen darf. Allein, dass ich kleine Sache verändern und den Bewohner*innen etwas Gutes tun kann, bedeutet mir viel.
Sind Sie während Ihres BFDs auf Herausforderungen gestoßen?
Dadurch, dass ich keine Pflegeausbildung besitze, habe ich besonders am Anfang viele Situationen nach meinem eigenen Gefühl gelöst. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht ausreicht. Pflegekräfte müssen immer einen Schritt weiterdenken und institutionelle Regeln und Vorgaben beachten. Dazu gehören zum Beispiel Hygiene- oder Sicherheitsvorschriften. Es war nicht ganz einfach, mich daran zu gewöhnen und immer alles im Blick zu haben.
Außerdem ist mir bewusst geworden, wie vielfältig und unterschiedlich Menschen sind. Ich glaube, im Alter zeigt sich das nochmal auf eine ganz besondere Weise. Das war ebenfalls herausfordernd, aber auch sehr bereichernd, mich auf verschiedene Persönlichkeiten einzulassen und die individuellen Bedürfnisse der Bewohner*innen zu erkennen.
Wem würden Sie empfehlen, einen BFD im Sozialdienst zu machen?
Ich würde es jedem empfehlen – jungen, aber auch älteren Menschen, die wie ich aus einem ganz anderen Bereich kommen. Während des BFDs wird man nicht an Leistung gemessen wie in den meisten Jobs, sondern hat die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen. Zeit, sich auf Menschen einzulassen. Das war für mich eine wertvolle Erfahrung und ich denke, dass jeder daran wachsen kann.
Gute Pflege bedeutet, dass Menschen ihre Würde bewahren können
Interessierte sollten allerdings Achtung und Respekt gegenüber pflegebedürftigen Menschen mitbringen. Es ist eine Aufgabe, die man von Herzen machen muss und für die man auch viel Geduld braucht.
Wie sieht Ihr weiterer Lebensweg aus? Wird der BFD Sie prägen?
Ich werde nach meinem BFD zurück nach London gehen, um mich um meine Familie zu kümmern. Ich merke, dass sie mich braucht. Wenn meine Kinder irgendwann völlig selbstständig sind, kann ich mir aber gut vorstellen, wieder in der Pflege tätig zu werden.
Aus meiner Zeit im Hans-Klenk-Haus nehme ich vieles mit. Vor allem die Erkenntnis, dass ich mein Leben genießen muss und dankbar sein kann für alles, was ich habe – besonders für meine Gesundheit.
Mir ist auch klar geworden, was gute Pflege ausmacht. Sie bedeutet, dass Menschen ihre Würde bewahren können. Im Alter verliert jeder vielleicht einen Teil seiner Freiheit. Aber das heißt nicht, dass wir nicht mehr das Recht auf einen menschlichen, respektvollen und würdevollen Umgang haben.
Der Freiwilligendienst (BFD) in Kürze
Voraussetzungen: Es gibt keine Altersgrenze. Jeder kann einen Freiwilligendiens machen, die Vollzeitschulpflicht muss aber erfüllt sein.
Dauer: Mindestens 6, höchstens 18 Monate; Vollzeit und Teilzeit sind möglich
Leistungen: Taschengeld (450 €, ggfs. weiter Anspruch auf Kindergeld), 31 Tage Urlaub, Fahrtkostenzuschuss in Höhe des Deutschlandtickets, Arbeitszeit: 39 h / Woche,
kostenfreies Mittagessen, 25 Seminartage
Bewerbung: Gewünschten Bereich aussuchen und bewerben. Wir brauchen keine schriftliche Bewerbung, nur den Lebenslauf.
Mehr unter awo-ludwigsburg.de/bfd

