Ein Leben zwischen Lehrerberuf und Malerei

Der 94-jährige Karl Schnell lebt seit 2 Jahren im Hans-Klenk-Haus in Ludwigsburg

Das Leben von Karl Schnell ist von zwei großen Leidenschaften geprägt: dem Lehrerberuf und der Kunst. In Ludwigsburg hat er die Freie Waldorfschule…

Karl Schnell wird 1931 in Neuenstein im Nordosten Baden-Württembergs geboren. Sein Vater Willy ist Schuhmachermeister, muss den Familienbetrieb aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und eröffnet gemeinsam mit seiner Frau Marie eine Gärtnerei. Dort bauen sie sogenannte Veredelungsunterlagen für Obstbäume an – das sind Pflanzen, die später mit der gewünschten Sorte (beim Apfel beispielsweise Boskoop) veredelt werden, um Ertrag und Wachstum kontrollieren zu können. Ihre Pflanzen sind gefragt und werden bis nach Norddeutschland und Holland verkauft.

Für Karl Schnell und seine Geschwister Gretel, Walter und Else bedeutet die Gärtnerei viel Arbeit, vor allem in den Ferien. Während die anderen Kinder Fußball spielen, helfen sie auf dem Feld und jäten Unkraut. „Natürlich wäre ich lieber mit den anderen Kindern unterwegs gewesen, aber es war notwendig und richtig, dass wir mitgeholfen haben.“ Er habe ein gutes Verhältnis zu seiner Familie gehabt – mit den unter Geschwistern üblichen Spannungen, sagt er schmunzelnd. 

Das Kunststudium war der Traum, aber die Künstlerexistenz zu unsicher

Als sein Vater als Krad-Fahrer und Sanitäter für den Einmarsch der Nazis in der Tschechoslowakei eingezogen wird, kommt der Krieg auch in ihrer Familie an. „Wir hatten große Angst um meinen Vater, auch wenn wir Kinder uns in der Zeit, in der er nicht da war, natürlich mehr erlauben konnten“, erzählt er. Als der Vater wegen Krankheit aus dem Dienst entlassen wird und zurückkommt, berichtet er von den Grausamkeiten des Krieges, die auch die Zivilbevölkerung betreffen: von tschechischen Jugendlichen, die durch explodierende Munition Gliedmaßen verloren haben und die der Vater verarztet. Glücklicherweise ist seine Familie vom Krieg auch in den folgenden Jahren weniger stark betroffen, abgesehen von kriegsbedingtem Unterrichtsausfall. 

Nach der Volksschule besuchte Karl Schnell die Aufbauschule und entscheidet sich, Lehrer zu werden. Seine Familie unterstützt ihn dabei. Sein Traum sei das Kunststudium gewesen, aber die schwierige Existenz als Künstler schreckt ihn dann doch zu sehr ab. Die Malerei, die er seit Kindertagen ausübt, wird zukünftig Hobby und Ausgleich zum Beruf werden.

„Angefangen habe ich als Volksschullehrer im Remstal, da kannte ich die Pädagogik Rudolf Steiners noch nicht. Aber ich hörte von Waldorfschulen“, sagt Karl Schnell. Die Waldorf-Pädagogik habe ihm gefallen, weil sie mehr auf den Menschen ausgerichtet, einfach näher am Menschen sei. Er besucht Vorträge, engagiert sich in Lese- und Arbeitskreisen und befasst sich immer mehr mit der Steiner‘schen Pädagogik. 1979 eröffnet die Freie Waldorfschule Ludwigsburg, deren Mitbegründer er ist. 

„Er wurde Lehrer, ging in die Ferien und verschied.“

Karl Schnell ist mit ganzem Herzen Lehrer. Davon zeugen Dankesbriefe, Widmungen, Fotos seiner Schulklassen oder Berichte von gemeinsamen Schullandheimen, die Schüler*innen und Kolleg*innen ihm geschenkt haben. Und man merkt es ihm beim Erzählen an. „Ich habe meine Arbeit immer gern und mit ganzem Herzen gemacht. Die Kinder spüren es, wenn jemand nicht ganz bei der Sache ist“, sagt er. Es gehe um viel mehr als nur um Wissensvermittlung. 

Man brauche Feingefühl, um zu spüren, wenn es einem Kind schlecht ginge. Er sei als Lehrer auch Vaterersatz und Vertrauensperson gewesen – das sei etwas ganz Besonderes und habe ihm viel gegeben. Auch neue Lehrer*innen-Generationen bildet er mit aus, korrigiert Unterrichtsentwürfe und gibt sein Wissen weiter. Man merkt ihm sein großes Interesse an den Menschen an, seine Empathie und auch seinen Humor. Immer wieder erzählt er Anekdoten, wie die des angeblich typischen Werdegangs des Lehrers: „Er wurde Lehrer, ging in die Ferien und verschied.“

Interesse an den Menschen, Feinfühligkeit und ganz viel Humor

Neben seinem Beruf engagiert sich Karl Schnell politisch, ist von 1978 bis 1994 Mitglied des Kreistags in Ludwigsburg und arbeitet unter anderem im Kultur-, Schul- und Europaausschuss mit.  Und er reist viel – nach Südafrika, Norwegen, Russland, England, die Türkei und immer wieder in die Ukraine und Frankreich. Ein Skizzenbuch ist sein ständiger Begleiter. Darin skizziert er Landschaften, die Natur und Dörfer, um seine Eindrücke später in Öl zu malen. Insbesondere die Expressionisten haben es ihm angetan – ihm gefällt es, wenn Gemälde ausdrucksstark sind. Über die Jahre sind zahlreiche Werke entstanden, davon zeugt ein von ihm erstelltes Werkverzeichnis. „Das Malen war für mich immer ein großes Bedürfnis und auch ein Ausgleich zu meinem Beruf. Es hat mir sehr viel Zufriedenheit gegeben.“ Seine Werke seien auch ausgestellt worden, aber darüber spricht er nur ungern. „Sonst denken die Menschen, ich gebe an“, sagt der 94-Jährige lächelnd. 

Es sei das Interesse an den Menschen, seine sehr gute Beobachtungsgabe und sein zugewandtes, feinfühliges Wesen, das ihren Onkel charakterisiere, erzählt seine Nichte Regina Sinn. „Karl ist mir seit Jahrzehnten ein geschätzter Gesprächspartner und Ratgeber. Ganz besonders liebe ich seinen speziellen Humor und seine Späße, über die wir immer herzhaft lachen können.“ 

 

Karl Schnell in seiner aktiven Zeit als Lehrer an der Waldorfschule Ludwigsburg
Eines von Karl Schnells Gemälden - entstanden auf einer Reise in Frankreich
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