4,5 Quadratmeter – so viel Platz steht geflüchteten Menschen in vorläufigen Unterkünften in Baden-Württemberg gesetzlich zu. Die Wohncontainer auf dem Parkplatz der Berufsschulen am Römerhügel sind mit den notwendigsten Dingen ausgestattet: Stockbett, Tisch, zwei Stühle, Topf, Pfanne, Tasse und Teller. Küche und Sanitär-Container werden von allen gemeinsam genutzt. „Für die meisten Geflüchteten sind wir eine Durchgangsstation. Wir kümmern uns um die absoluten Basics: Schlafen, Essen, Krankenbehandlung, Geld – also vor allem um Anträge bei den Behörden“, sagt Olaf Thumann. Erst wenn die Grundbedürfnisse gedeckt seien und die Geflüchteten eine gewisse Sicherheit hätten, werde richtige Sozialarbeit möglich.
Für Ukrainer*innen ist der Römerhügel eine Durchgangsstation
Insgesamt 88 Schlafplätze gibt es am Römerhügel, derzeit sind hier 20 Ukrainer*innen und zwei Asylbewerber*innen untergebracht. Die Zahl ist in den letzten Monaten stetig gesunken, insbesondere aus Afrika kommen kaum noch Menschen an.
Wer nach Deutschland flieht, wird nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, kommt in eine Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) wie in Karlsruhe und dann nach wenigen Tagen in eine vom entsprechenden Landkreis betriebene vorläufige Unterkunft. Dort bleiben Asylbewerber*innen maximal zwei Jahre oder bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Das gilt allerdings nicht für Ukrainer*innen. Bei ihnen greift die EU-Massenzustrom-Richtlinie: Sie gewährt Geflüchteten aus der Ukraine seit dem 4. März 2022 vorübergehenden Schutz und ermöglicht unkompliziert Einreise, Aufenthalt, Arbeitserlaubnis und Zugang zu Sozialleistungen ohne Asylverfahren. Der Schutz wurde verlängert und gilt aktuell bis zum 4. März 2027.
Ukrainer*innen bleiben deshalb nur etwa zwei Wochen in der vorläufigen Unterkunft, bevor sie in den Kommunen des Landkreises untergebracht werden – sie erhalten grundsätzlich einen Aufenthaltstitel ohne Asylverfahren. „Dass die Bundesregierung beschlossen hat, Ukrainer*innen kein Bürgergeld, sondern Asylbewerberleistungen zu bezahlen, hat auch bei den Geflüchteten zu großer Verunsicherung geführt“, sagt Olaf Thumann. Umgesetzt wird die im November 2025 beschlossene Änderung voraussichtlich im Juni dieses Jahres.
Kommt ein geflüchteter Ukrainer am Römerhügel an, dann beantragt Olaf Thumann zunächst beim Landratsamt Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das ist notwendig, um die finanzielle Lücke zwischen Ankunft und Bürgergeld zu schließen, das erst mit einer sogenannten Fiktionsbescheinigung beantragt werden kann. Bis dahin können Wochen vergehen, beispielsweise durch die Wartezeit auf einen Termin bei der Ausländerbehörde.
Die Geflüchteten sind dankbar für Hilfe und Unterstützung
Meist erhalten die Geflüchteten wenige Tage später beim Einwohnermeldeamt eine Meldebestätigung und ihre steuerliche Identifikationsnummer, mit der sie ein Konto eröffnen können. Nach der erkennungsdienstlichen Erfassung bei der Ausländerbehörde erhalten sie die Fiktionsbescheinigung, also ein vorläufiges Dokument, das den rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland nachweist und mit dem sie Bürgergeld beantragen können. Oft haben sie
die vorläufige Unterkunft dann bereits verlassen und wurden in einer Kommune untergebracht. „Wir beantragen Asylbewerberleistungen und zwei Wochen später, teilweise noch bevor der erste Antrag bewilligt ist, stellen wir im Prinzip denselben Antrag ein zweites Mal, aber auf Bürgergeld. Geändert hat sich nur die Zuständigkeit vom Landratsamt zum Jobcenter“, sagt der AWO-Mitarbeiter.
Der bürokratische Aufwand ist enorm und führt zu Unsicherheit
Er wolle nicht die Sachbearbeiter*innen des Landkreises kritisieren, er kenne viele engagierte Mitarbeiter*innen, aber in diesen Fällen sei der bürokratische Aufwand mehr oder weniger sinnfrei und führe insgesamt zu einer höheren Bearbeitungszeit. Für die Ukrainer*innen bedeute das vor allem Unsicherheit. Sie erhalten zwar einen finanziellen Vorschuss, stehen dann aber teilweise Wochen ohne Geld da – ein Problem, da sie sich selbst versorgen müssen.
Manchmal fühle er sich wie ein vorgeschalteter Sachbearbeiter, weniger als Sozialarbeiter, sagt Olaf Thumann. Aber es gibt auch viele Situationen, die ihm zeigen, wie wichtig seine Arbeit ist. Teilweise melden sich Geflüchtete bei ihm, die den Römerhügel schon vor Wochen verlassen haben und bitten um Rat oder Hilfe. „Das sind die schönen Momente meines Berufs, wenn ich merke, dass mir die Menschen vertrauen und ich ihnen wirklich weiterhelfen kann. Die Geflüchteten sind dankbar und wissen unsere Hilfe zu schätzen“, sagte Thumann, der 2017 in die Flüchtlingssozialarbeit eingestiegen ist.
Fragt man ihn nach seinen Erfahrungen, was die Integration erleichtert, dann antwortet er: „Bildung ist der Schlüssel für alles.“ Je gebildeter die Geflüchteten seien, desto leichter gelinge es ihnen, in Deutschland anzukommen. Aber es brauche auch mehr Planungssicherheit – für alle Seiten. Es gebe immer wieder Fälle, bei denen alle staatlichen Akteure gesetzeskonform handelten, die Geflüchteten sich aber dennoch in einer Art gesetzlichem Niemandsland befänden.
Bildung ist der Schlüssel, um gut in Deutschland anzukommen
Er nennt das Beispiel von Geflüchteten, die durch eine Entscheidung des Bundesamts für Migration nicht abgeschoben werden dürfen (Abschiebeverbot), weil beispielsweise die Heilbehandlung bei einer vorliegenden Erkrankung im Heimatland nicht gewährleistet wäre.
Die einzelnen Prozesse seien für sich gesehen alle gesetzlich korrekt, würden aber unabhängig voneinander durchgeführt, ohne dass das Gesamtbild betrachtet wird. „Solche Fälle sind für alle Seiten ein Problem. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass klare Entscheidungen getroffen werden – egal in welche Richtung. Nur dann wissen auch die Geflüchteten, woran sie sind und können ihre Zukunft planen“, sagt Thumann.


