4. Erlenweg Cup - ein Sommermärchen

Passend zur diesjährigen Fußball-Europameisterschaft veranstaltete der Fachbereich Migration der AWO Ludwigsburg zusammen mit den Ehrenamtlichen des…

Ursprünglich wollten die Organisatoren die Fußball-Europameisterschaft im Kleinen nachspielen. 
Als sich jedoch mehr Teilnehmer*innen meldeten, als es Länder in Europa gibt, wurde daraus kurzerhand eine kleine Weltmeisterschaft, wenn man bei 78 Anmeldungen noch von klein sprechen kann. Frei nach dem selbsternannten Motto: „Spiel & Spaß kennt keine Grenzen“ wurden auch Fantasie-Länder wie Horseland, Musicland oder R2D2 zugelassen.
Da eine Teilnehmerobergrenze dem selbst auferlegten Motto widersprochen hätte, mussten kurzerhand mehr Spielfelder her, die aus Sperrmüll und Altmaterial hergestellt, mit Pappmaché und Farbe künstlerisch verschönert und mit hohem Wiedererkennungswert echten Fußballstadien nachempfunden wurden.

Am Tag vor der Veranstaltung stand das Turnier noch auf der Kippe. 
In Ludwigsburg prasselten tennisgroße Hagelkörner vom Himmel und verwandelten den Veranstaltungsort in eine Schneelandschaft ... und die Veranstaltung war ohne Ausweichmöglichkeit unter freiem Himmel geplant. Doch der Wettergott hatte ein Einsehen. Zwar zogen vereinzelt dunkle Wolken vorbei, aber es blieb trocken und der ein oder andere holte sich sogar einen Sonnenbrand.

So wurde schließlich im digitalen Zeitalter in 22 Fußball-Arenen Tipp-Kick gespielt, das analoge Brettspiel mit den kleinen Metallfiguren, die auf Knopfdruck mit dem Fuß gegen einen zweifarbigen, quadratischen Ball treten. Das Kultspiel feiert in diesem Jahr seinen 100. 

Veranstaltungsort war eine Unterkunft für Geflüchtete und Asylbewerber, die seit mehreren Jahren von der AWO Ludwigsburg betreut wird und die Teilnehmer*innen waren fast ausschließlich Betreute, Klient*innen sowie deren Bekannte, Freunde und Verwandte. 
Der DJ Commander T. sorgte für das musikalische Rahmenprogramm sowie für Stimmung und gute Laune. Studentinnen der EH Ludwigsburg (Evangelische Hochschule) boten parallel ein Programm für alle jüngeren Kinder an. So waren auch diese beschäftigt und ihre Eltern konnten in Ruhe am Turnier teilnehmen.

Zur Stärkung und für das leibliche Wohl der Spieler*innen standen Butterbrezeln, Salzgebäck, Obst und Getränke bereit, die von den Ehrenamtlichen des AK Rotbäumlesfeld, die sich seit Jahren in ihrer Freizeit in der Unterkunft engagieren und ohne die eine solche Veranstaltung überhaupt nicht möglich wäre, ständig nachgefüllt wurden.

Doch wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine solche Veranstaltung zu organisieren?
Fragt man den verantwortlichen Sozialarbeiter Dirk Lindner von der AWO Ludwigsburg, huscht ihm zunächst ein Lächeln über das Gesicht. Eigentlich sei das Ganze aus einer Schnapsidee entstanden, wenn man das heute noch so sagen darf. Vor Jahren hätte er einen syrischen Bufdi gehabt. Ein Glücksgriff für ihn, denn der junge Mann sei nicht nur Helfer und Unterstützer, sondern zugleich auch Dolmetscher für seine arabisch sprechenden Klient*innen gewesen, quasi two in one, lacht er. 
Im Rahmen seines Bundesfreiwilligendienstes sollte der junge Mann auch ein Projekt organisieren und durchführen. Da der junge Mann sehr sportbegeistert war, wollte er etwas mit Fußball machen. 
Nur: In der Unterkunft gab es weder einen Sportplatz noch genügend Freifläche zum Fußballspielen. Man sammelte Ideen wie: Bau einer Tischtennisplatte mit anschließendem Turnier... aber keiner traute sich den Bau zu. So brachte der Sozialarbeiter eines Tages scherzhaft das Kinderspiel seines Sohnes mit zur Arbeit und meinte: „Fußballspielen kann man überall“.  Von da an verbrachten beide jede freie Minute mit dem Spiel ... und die Geschichte nahm ihren Lauf.
Dass die Veranstaltung inzwischen solche Ausmaße angenommen hat, hätte aber auch er nicht zu träumen gewagt.

Trotz der lustigen Entstehungsgeschichte ist der pädagogische Aspekt der Veranstaltung nicht zu unterschätzen. Da weitestgehend ohne Schiedsrichter gespielt wird und es auch keinen Videobeweis gibt, müssen strittige Situationen, wie sie im Fußball häufig vorkommen, geklärt werden: Tor oder kein Tor? Handspiel? durch Kommunikation, Einigung oder Wiederholung selbst gelöst werden. Und da auch Kinder beteiligt sind, gilt es bei allen hochkochenden Emotionen immer Vorbild zu bleiben.

In diesem Jahr gab es sogar Unterstützung vom TKC 71 Hirschlanden, dem amtierenden Deutschen Meister im Profi-Tipp-Kick. Herr Jürgen Bischoff half bei den Finalspielen als Schiedsrichter aus.
Letztlich durften sich aber alle Teilnehmer*innen als Sieger fühlen. Denn jeder, der dabei war, erhielt ein eigens gestaltetes T-Shirt sowie weitere Preise, gesponsert von lokalen Unternehmen wie der Wohnbau Ludwigsburg, den Stadtwerken, der Kreissparkasse Ludwigsburg, dem Spielehersteller Tipp Kick selbst und sogar den Toten Hosen.

Sieger des Turniers wurde schließlich in einem spannenden und umkämpften Finale der 17-jährige Mustafa HAMZA aus Syrien, der für das Land Indien antrat. Den zweiten Platz belegte sein 27-jähriger Landsmann Mohammad ALALI, der für Brasilien antrat, aufgrund von zwei Beinamputationen mit Prothesen spielte und seit über einem Jahr auf den Familiennachzug von Frau und Kindern wartet.
Sonderpreise gingen an den städtischen Hausmeister Thomas Gugel, der mit 65 Jahren der älteste Teilnehmer war, an Alaa AL SHTEIWI, der mit 10 Jahren der jüngste Teilnehmer war, an die 26-jährige Wareen BADER OMAR, eine Jesidin aus dem Irak, als beste weibliche Teilnehmerin und an den 15-jährigen Ahmad KHALIL, der als bester Spieler unter 16 Jahren den dritten Platz belegte.

In Erinnerung bleiben kuriose Miniatur-Fußballstadien und fröhliche Menschen unterschiedlichster Herkunft. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung, Flüchtlingssozialarbeit und Integrationsmanagement der anderen Art, bei der Spiel und Spaß im Vordergrund standen, ein Stück Lebensfreude in aktuell schwierigen Zeiten vermittelt wurde und letztlich das Erlebnis wichtiger war als das Ergebnis ... ein kleines Sommermärchen.<o:p></o:p>

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